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Transgenerative Folgen

16.01.12

Was bedeutet „transgenerative Folgen von (Kriegs-) Traumen“?

Wie können Menschen, die selbst keinen Krieg erlebt haben, an Traumafolgestörungen leiden, welche sind das? wie ist das zu erkennen? und wie wissenschaftlich nachweisbar sind diese Symptome?

Zum einen gibt es grundsätzliche Ähnlichkeiten, aber auch deutliche Unterschiede in den Themen der Nachkommen von Holocaust Überlebenden, der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und Österreich, als historische Opfer des WK II und den Nachkommen der Tätergeneration.

Da wir uns nicht kompetent fühlen für die jüdischen Nachkommen zu sprechen, verweisen wir hier auf Artikel von Natan Kellermann und Folien von Peter Liebermann.

Das Trauma selbst wird nicht weitergegeben; allerdings zB die Stressverarbeitungsfähigkeit, die Atmosphäre der Familie, die Auswirkungen, die aus den unbearbeiteten Traumen der Elterngeneration erwachsen, sog. „abgeschaltete“ Gene (siehe Epigenetik), …

Zu bedenken ist ja, dass die Generation der Kriegskinder (des 2.WK) ja vielfach bereits traumatisierte Eltern des 1.WK hatte. In den Generationenabfolgen gehen also primär,sekundär und tertiär traumatisierte Menschen ineinander über.

Die Übertragung der Traumata erfolgt über die Repräsentanzen der im seelischen abgebildeten traumatisierten Elternteile (Introjekte). Dies können Opfer- und Täterintrojekte sein.
Negative seelische Folgen entstehen zB dann, wenn eine „Mutter“ ihr Kind nicht „spiegeln“ kann, sich das Kind in den Augen der Mutter nicht adäquat beantwortet findet und fühlt; die geschieht dann, wenn der (traumatisierte) Blick der „Mutter“ nach innen anstatt auf ihr Kind gerichtet ist.

Die Angst vor „Trigger“ der Traumen und/oder die Scham verhindert eine Bearbeitung derselben!

Wenn also die eigenen Gefühle (der Eltern) nicht „echt“ sind, d.h. ihnen selbst nicht zugänglich, dann findet eben keine ausreichend gute  emotionale Ressonanz mit den eigenen Kindern statt.

Um welche Symptome, subjektive Gefühle handelt es sich also bei den Nachkommen der Tätergeneration, insbesonders den Kindern der Kriegskinder?

Es sind Gefühle der Schuld und Scham (ich bin falsch, statt ich habe etwas falsch gemacht), der gehemmten Lebensenergie, des Ausgeschlossenseins und Fremdfühlens, der Rast- und Heimatlosigkeit. Die VertreterInnen dieser Generation kennen es sehr gut, wenig bis keinen emotionalen Zugang zu den eigenen Eltern zu finden, das Gefühl sich alles „erkämpfen“ zu müssen und nichts „verdient“ zu haben. Sie haben wenig Körperlichkeit durch die Eltern erlebt und haben dadurch oft Schwierigkeiten mit dem Bezug zum eigenen Körper.
Es sind starke Bedürfnisse nach Anerkennung im Sinne des „nie-gut-genug-Seins“, einer maximalen Anpassungsfähigkeit an Erwartungen anderer (vornehmlich der Eltern), die bis zur Selbstaufgabe gehen kann. Kriegsenkel haben oft die Erfahrung gemacht durch die Eltern kontrolliert worden zu sein, aber nicht „gesehen“ worden zu sein.

Mangelnde Abgrenzungsfähigkeit um einen gesunden Egoismus aufzubauen geht mit schlechtem Gewissen einher. Dadurch entstehende Überforderungen, das Gefühl des Ausgebranntseins durch hohe Leistungsbereitschaft, wirken sich behindernd auf die Lebensfreude und die Entspannungsfähigkeit aus. Behindert wird ein gesundes Verhältnis von Spannung und Ruhe, von Geben und Nehmen, von Leistung und Entspannung, von Arbeit und Freizeit, uvm.

Dies alles sind keine Schuldzuweisungen an die Kriegskinder-Eltern. Es ist wichtig zu sehen, dass das NS Regime bestimmte (Erziehungs-)Prinzipien systematisch gefordert hat, ohne die dieses unmenschliche System nicht gelungen wäre.

Neben der Theorie des Lernens, stehen inzwischen aber auch andere Erklärungsmodelle. BEi der transgenerationalen Weitergabe von Traumen spielen auch Stressverarbeitung eine Rolle, die sich inzwischen auch genetisch nachweisen lassen. (Stichwort: Epigenetik)

Auf der Webseite des Dachauer Instituts finden sich weitere sehr interessante Texte: www.dachau-institut.de/psychologie/seelische_auswirkungen.html

Artikel des Institutes für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main:Trauma und Gesellschaft

Besonders wertvoll finde ich alle persönlichen Erfahrungsberichte, die zu diesem Thema hier gesammelt werden.